Thromboserisiko für COVID-19-Kranke viel höher als für Geimpfte

Laut EMA überwiegt der Impfnutzen weiterhin das Risiko etwaiger Nebenwirkungen.
Laut EMA überwiegt der Impfnutzen weiterhin das Risiko etwaiger Nebenwirkungen.

Ungewöhnliche Thrombosen im Zusammenhang mit der SARS-CoV-2-Impfung haben viele Menschen verunsichert. Eine europäische Forschergruppe hat nun die Daten der Weltgesundheitsorganisation analysiert.

Zwischen dem 13. Dezember 2020 und dem 16. März 2021 wurden weltweit mehr als 360 Millionen Menschen gegen ­SARS-CoV-2 immunisiert. Im gleichen Zeitraum wurden der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2161 thromboembolische Ereignisse – sowohl venöse als auch arterielle – gemeldet, die möglicherweise im Zusammenhang mit den Vakzinen von ­Pfizer-Biontech, ­Moderna oder ­AstraZeneca (BNT162b2, mRnA-1273, ChAdOx1 nCov-19) stehen.

Ein Team um Professor Dr. ­David ­Smadja vom European ­George Pompidou Hospital in ­Paris ermittelte aus den vorliegenden Daten eine Thromboembolie-Rate nach Impfung von nur 0,21 Fällen pro einer Million Person vaccinated-days. Dieser Begriff aus der medizinischen Statistik beschreibt den Quotienten aus der Anzahl der aufgetretenen Komplikation und den Personentagen mit dem fraglichen Risiko innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Für venöse Ereignisse alleine lag der Wert mit 0,075 sogar deutlich niedriger. Mit diesen Zahlen bestätigt sich die Seltenheit derartiger Vorfälle, konstatieren die Wissenschaftler.

Weitaus größer hingegen ist die Gefahr, eine venöse oder arterielle Thromboembolie im Rahmen einer SARS-CoV-2-Infektion zu erleiden, stellt Professor Dr. ­Stavros ­Konstantinides von der Universitätsmedizin Mainz in seinem Studienkommentar klar. Das passiert bei fast 15 % der Erkrankten. Noch einmal wesentlich höher ist der Anteil bei denjenigen Patienten, die auf der Intensivstation behandelt werden müssen. So gut wie alle derartigen Komplikationen dürften sich durch die Impfungen verhindern lassen, meint Prof. Konstantinides.

Für Diskussionen sorgten in den vergangenen Wochen ungewöhnlich lokalisierte Blutgerinnsel, die bei einer kleinen Zahl von Patienten nach Immunisierung mit der adenovirusbasierten AstraZeneca-Vakzine beobachtet wurden. Die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat bislang 62 Fälle einer zerebralen Sinusvenenthrombose und24 viszerale Okklusionen registriert. 18 dieser Komplikationen endeten tödlich. Aufgetreten waren sie in einem Kollektiv von 25 Millionen Personen, die bis zum 22. März 2021 geimpft worden waren.

Die EMA geht aufgrund ihrer Analysen weiterhin davon aus, dass der Nutzen der AstraZeneca-Vakzine das Risiko etwaiger Nebenwirkungen überwiegt. Inzwischen weiß man auch mehr über die Pathogenese der Ereignisse, berichtete der Experte: Es handelt sich um eine Immunthrombozytopenie mit Bildung plättchen-aktivierender Antikörper.

Unklar ist derzeit, in welchem Umfang thromboembolische Komplikationen auch unter den mRNA-Vakzinen auftreten. In der WHO-Datenbank, die zur Debatte stehende Nebenwirkungen aller drei Vakzine registriert, wurden vereinzelte Fälle erfasst. Ein Zusammenhang mit der Impfung ist bisher jedoch nicht gesichert, betont Prof. Konstantinides.

Generell sind die potenziell vakzin­bedingten Thromboembolien angesichts der bislang mehr als 751 Millionen Geimpften weltweit (Stand: 16. April 2021) extrem selten. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Schäden, die das Virus anrichtet. Schließlich sind schon mehr als 140 Millionen COVID-19-Erkrankungen gezählt worden, über drei Millionen Menschen sind bis Mitte April 2021 an der Infektion gestorben.

Zudem rät Prof. ­Konstantinides, die Ergebnisse der WHO-Datenanalyse zurückhaltend zu interpretieren. Pharmakovigilanzberichte eignen sich lediglich dazu, Hypothesen zu generieren, lautet seine Begründung, eine Kausalität lässt sich mit ihnen naturgemäß nicht herstellen. Auch ein direkter Vergleich des thrombogenen Risikos der drei Vakzine ist auf Grundlage der Daten derzeit nicht zulässig. Die Daten stellen die Sicherheit der Impfstoffe also keinesfalls infrage, verdeutlicht der Experte abschließend noch einmal. Sie dürften auf keinen Fall dafür herhalten, um die lebensrettenden globalen Impfprogramme zu stoppen oder zu verzögern. Vielmehr bekräftigen die Ergebnisse den Nutzen der kontinuierlichen Pharmakovigilanz, die es ermöglicht, auch seltene Alarmzeichen rasch zu erkennen. Quelle: Medical Tribune 1.Smadja DM et al. Eur Respir J 2021; DOI: 10.1183/13993003.00956-2021 2.Konstantinides S. A.a.O.; DOI: 10.1183/13993003.01111-2021

2021-05-20T08:20:04+00:00
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