Gute Qualität, ja bitte – Qualitätshysterie, nein danke

Wer sich heute im Gesundheitswesen positionieren möchte, der muss mindestens in jedem dritten Satz Worte wie Qualität, Qualitätsmanagement, Qualitätsoffensive oder auch Zertifizierung einbauen. Doch was hat es damit auf sich? Sind das alles nur Schlagworte, mit denen man politisch punkten kann? Schauen wir uns zunächst einmal die nackten Zahlen an. Fast 68 % aller Vertragsärzte waren 2012 bei ihrem praxisinternen Qualitätsmanagement voll im Soll. Insgesamt 68 000 Ärzte haben im Jahr 2012 an 9 500 zertifizierten Qualitätszirkeln teilgenommen. Das waren 9 % mehr als noch ein Jahr zuvor.

Während die Krankenkassen schon seit langem auf die Qualitätstube drücken, zieht nun auch die Politik nach. Das zeigt der neue Koalitionsvertrag. So sollen z. B. die Qualitätsberichte der Krankenhäuser verständlicher und als verlässliche Entscheidungsgrundlage für Patienten auch transparenter werden. Den Krankenkassen wird zudem von 2015 bis 2018 die Möglichkeit eingeräumt, „modellhaft Qualitätsverträge mit einzelnen Krankenhäusern abzuschließen.“ Und der neue Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) will gar ein neues Qualitätsinstitut für Gesundheit gründen, um Qualität „zum entscheidenden Kriterium für die ambulante und stationäre Versorgung in diesem Land zu machen“.

Was ist gute, was schlechte Qualität?

Qualität also, wohin man schaut. Doch halten all diese Kriterien und Pläne auch einer qualitativen Überprüfung stand? Nicht immer. Denn es scheint etwas nicht zu stimmen, wenn

  • die Unternehmensberatung KPMG in ihrer jüngsten Studie feststellt, dass Klinikmanager, die in ihren Krankenhäusern in eine gute Qualität investieren, dafür wirtschaftlich nicht belohnt werden;
  • ausgerechnet der G-BA, der schon seinen bisherigen Aufgaben kaum nachkommen kann, beauftragt wird, die Qualitätsberichte zu verbessern, und dabei auch noch Aspekte der Patientensicherheit und zusätzlich Ergebnisse von Patientenbefragungen mit einbeziehen soll;
  • heutzutage schnelllebige Indikatoren wie die Qualität des medizinischen Fortschritts in feste Normen oder Leitlinien gepresst werden, die nach langwierigen Verfahren mitunter schon gar nicht mehr aktuell sind;
  • Krankenkassen-Vorstandsstrategen wie Uwe Deh vom AOK-Bundesverband die Qualitätsdebatte politisch missbrauchen, indem sie populistisch hinausposaunen, dass künftig schlechte Qualität schlichtweg nicht mehr bezahlt wird.

 

Doch wer befindet darüber, ob die Qualität schlecht oder gut ist? Bei planbaren Eingriffen oder Operationen gibt es hierfür heute schon – gerade in Kliniken mit hohem Spezialisierungsgrad – griffige Kriterien. Doch wie sieht es mit den kleinen Kliniken und Behandlungszentren in den ländlichen und kleinstädtischen Regionen aus, die die im Qualitätsrausch befindlichen Kassen dann – etwa bei Budgetproblemen – auf Knopfdruck stilllegen wollen? Dort gelten doch ganz andere Voraussetzungen. Natürlich muss dort auch in der Basisversorgung die Qualität stimmen.

Fürsorge für Patienten bleibt auf der Strecke

Bei diesen Einrichtungen geht es jedoch nicht darum, ob sie sich noch mit einem weiteren Qualitätssternchen schmücken dürfen. Vielmehr kommt es darauf an, dass sich alte, chronisch und schwer kranke Menschen auf das nächste Versorgungszentrum um die Ecke verlassen können.

Dort geht es dann aber nicht um hochqualitative Spitzenleistungen erster Güte, sondern darum, ob Patienten noch Ärzte und Pflegekräfte vorfinden, die die medizinische Grund- und Palliativversorgung unter humanen Gesichtspunkten sicherstellen. Dieser nicht nur für ältere Patienten immens wichtige Qualitätsparameter – die menschliche Fürsorge und Zuwendung zum Patienten – kommt allerdings bislang in den meisten von den Kostenträgerbürokraten losgetretenen hysterischen Qualitätsdebatten so gut wie gar nicht vor, bedauert

Erschienen in: Der Allgemeinarzt, 2014; 36 (4) Seite 80

2018-11-27T05:43:02+00:00
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